AGRAR – Skulpturen und Landschaften

6. November – 31. Dezember 2005 Kreismuseum Heinsberg

Uwe Pipers künstlerisches Werk ist vielfältig. Am Beginn seiner Beschäftigung mit der Fotografie stand jahrelang der Mensch im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Dann entfernte sich sein Blick immer mal wieder von den Menschen, um sich der Welt in der sie leben und den Dingen, die sie umgeben, zuzuwenden.

Typisch für Piper ist das Arbeiten in Serien, die immer eine thematische Bindung zeigen. Bis zum Ende der 90ziger Jahre arbeitete er ausschließlich mit analogen S/W Aufnahmen. Diese Festlegung gründete einerseits in dem ihm eigenen Perfektionismus, die Aufnahmen bis zum Ende nicht aus der Hand geben zu müssen. Hier war die Entwicklung des S/W Bildes im eigenen Labor noch eher zu bewerkstelligen als die technisch wesentlich komplexere des Farbbildes; andererseits drückte sich hier aber auch seine eigene künstlerischen Handschrift aus, die Bildfindung immer auch als Abstraktionsprozess begreift. Im größeren Umfang arbeitet er erst farbig, seit Anfang 2000 mit der Hinwendung zu digitalen Bildbearbeitungsmöglichkeiten, die ihm auch beim Farbfoto, dem im Gegensatz zum S/W Bild naturgemäß realitätsnaheren Bild, Abstraktionsmöglichkeiten bieten.

Die S/W Bilder der Ausstellung entstanden alle seit der Mitte der 80ziger (85) bis in die Mitte der 90ziger Jahre hinein. Die Farbarbeiten entstanden zwischen 2003 und 2005 und zeigen farbliche und formale digitale Bearbeitungen.

Alle Aufnahmen dieser Ausstellung sind in der Region entstanden.

Sie zeigen Strohmieten, verpackt und unverpackt, auf landwirtschaftliche Anhänger geladen und Ansichten dieser typischen flachen Agrarlandschaft im Grenzraum mit ihren endlos weiten Feldern, die sich bis zum Horizont zu erstrecken scheinen.

Die Serie Agrarskulpturen und Landschaften zeigt eine sehr reduzierte nüchterne Bildsprache. Sie unterscheidet sich z. B. formal stark von der sehr dem subjektiven Erleben entsprungenen eigenwilligen Serie „Von Innen nach Außen“, die ihn in den 80ziger Jahren einem größeren Publikum auch in den grenznahen Gebieten der Niederlande bekannt machte. War es damals eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Medium der Fotografie (die durch Doppelbelichtungen mit dem inszenierten Zufall spielte) so könnte man im Falle der heute gezeigten Serie von einem eher dokumentarischen Stil sprechen.

Aber ist es das wirklich?

Ohne Zweifel durchziehen das künstlerische Werk von Uwe Piper dokumentarische, sprich bewahren wollende Qualitäten. Piper ist sich dieser Tatsache bewusst, – aber Dokumentation, das Anstreben von möglichst objektiver Gegenstandsbeschreibung, ist nie Hauptimpuls seiner Arbeit, es ist etwas was immer nebenbei sozusagen mit abfällt. Hier zum Beispiel, die Strohmieten, die in ihrer unterschiedlichen Form und Stapeltechnik auch historische Veränderungen in der landwirtschaftlichen Technik ausweisen.

Die Fotografie ruft vielleicht wie kein anderes künstlerisches Medium den Eindruck oder sagen wir besser die Erwartung von Realitätswiedergabe beim Betrachter hervor. Gerade der gewisse dokumentarische Charakter der Fotografie ist eng an die Erwartung von Wirklichkeitstreue gekoppelt.

Doch lassen Sie sich nicht täuschen, meine Damen und Herren, die Aufnahmen, die Sie hier sehen, entstammen alle einer konzeptuellen Vorgabe, d. h. einer im voraus genau gefassten künstlerischen Idee, eines Konzeptes, das starke Einflüsse sowohl auf die Selektion der Objekte als auch auf ihre formale Ausführung genommen hat.

Was bedeutet das?

Bei der Betrachtung der Strohmieten und beladenen Anhänger, die Landschaften funktionen etwas anders, zeigen aber verwandte Stilmerkmale, wird deutlich, daß Piper nicht an einer Dokumentation gelegen ist, der die agraischen Objekte in ihrem Gesamtkontext, also in ihrem natürlichen landschaftlichen Umfeld zeigen und in einem eindeutigen Größenbezug zum Betrachter stellen will. Er arbeitet immer mit den gleichen formalen Vorgaben: die Motive zeigen eine zentrische Plazierung, sie sind vom landschaftlichen Umraum weitgehendst isoliert, dadurch fehlen oft Bezugspunkte die über die tatsächliche Größe des Motivs Aufschluss geben und sie sind in Untersicht aufgenommen (niedrige Horizontlinie), was ihre objekthafte Wirkung steigert und ihnen geradezu skulpturale Züge verleiht. Piper fotografiert in der Regel bei Sonne. Die beabsichtigten Licht- und Schattenreflexe steigern die Bildwirkung, laufen aber ebenfalls einer genauen Objektwiedergabe eher zuwider.

Diese formalen Mittel führen dazu, dass der Betrachter seinen eigenen Standort diesen Bildern gegenüber nur mit Mühe einnehmen kann. Es ist nicht genau auszumachen, wie groß diese Strohmieten eigentlich wirklich sind. Das gilt auch für die Landschaftsaufnahmen. Die Landschaft erscheint hier eher als graphische Oberfläche, als Liniengeflecht und Ort flächiger hell-dunkel Kontraste, denn als topografisches Bild. 

Ein weiteres Merkmal dieser Fotoserie ist ihre Statik und Bewegungslosigkeit. Pipers Fotografien sind nicht narrativ.

Nichts deutet in diesen Bildern auf die Anwesenheit des Menschen oder seiner die Landschaft aktiv in Besitz nehmenden Zeugnisse hin. Diese Aufnahmen sind leblos im wörtlichen Sinne des Wortes, frei von jeglicher Form von Lebewesen. Das Objekt steht im Mittelpunkt. Der Gegenstand  gelangt zu monumentaler Wirkung. Durch das Fehlen von Handlungsabläufen stehen die Aufnahmen außerhalb der Zeit. Vergehende Zeit existiert in diesen Fotografien daher nur als Abwesenheit.

Das Thema der Zeit und Vergänglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Uwe Piper.

Durch Pipers konzeptuelle Vorgehensweise der Monumentalisierung und Isolierung rein funktionaler landwirtschaftlicher Objekte in dieser Ausstellung, setzt der landwirtschaftliche Gegenstand jetzt seine eigenen Parameter. Er wird vom Betrachter als autonom empfunden und bekommt seine eigene Realität, die sich von seiner ehemals funktionalen landwirtschaftlichen Bindung abzulösen scheint und schon fast skulpturale Züge aufweist. Das Objekt  wird ästhetisiert.

Dieser Stilgriff macht die Strohmieten und Erntewagen zu temporären Installationen, die in ihrer hier festgehaltenen Form nicht mehr reproduzierbar sind und nur für kurze Zeit bestehen.  Das gilt auch für die Agrarlandschaften, die fortwährend im Jahresrhythmus ihr Gesicht verändern. Piper spielt auf einer unterschwelligen Bedeutungsebene bewusst mit dem Thema Vergänglichkeit und des immerwährenden Kreislauf von Werden und Vergehen in der Natur .

Durch den ästhetisierten Blick des Fotografen auf sein Motiv verändert sich unser Bild von der Wirklichkeit. Es ist das, was Piper uns hier mit dieser Serie beispielhaft und gelungen vor Augen führt.

Regina van den Berg
Künstlerische Leitung
Kunstverein Region Heinsberg

 

Camera poetica – Fotografie als Medium der Poesie

Die Bilder von Uwe Piper (*1941) scheinen wie Gedanken, die zunächst inwendige Bilder formten, bevor sie auf etwas in der Außenwelt Existentes übertragen wurden. Die Ausstellung stellt eine Reihe unabhängig voneinander entstandener, subjektiver S/W-Motive vor, die Augenblicke von Zwischenzustanden, fragile Momente der Zeit, erkennbar machen. Der Fotograf begibt sich hierbei in ein Reservat, welches bislang der öffentlichen Bilderflut verschlossen war. Allein durch die poetische Sicht erhebt sich das Objekt vom Requisit der Verlorenheit und Vergänglichkeit zum Subjekt als Personifikation der Poesie. Piper, der seit vielen Jahren autodidaktisch mit der Fotografie arbeitet, macht mit seinen, die Wahrnehmung sensibilisierenden Arbeiten die Zustände dieses Übergangs, den Zauber des Entstehens erfahrbar.

 

Der alte jüdische Friedhof Prag

Zu den bekanntesten jüdischen Friedhöfen Europas zählt der Alte Jüdische Friedhof in Prag.

In der Prager Altstadt, im alten jüdischen Viertel Josefov gelegen, wurde er im 15. Jahrhundert angelegt und zählt zusammen mit der  Altneusynagoge   zu   den   bedeutendsten erhaltenen Baudenkmälern der Prager Judenstadt. Der älteste, dem Gelehrten und Dichter Avigdor Kara gehörende Grabstein, stammt aus dem Jahr 1439.  Auf diesem Friedhof wurde als letzter Toter hier Moses Beck 1787 beigesetzt. Die vielen Grabsteine stehen eng beieinander und sind heute noch gut erhalten. Heute befinden sich hier nahezu 12 000 Grabsteine, doch dürften hier vermutlich die Gebeine von etwa 100.000 Menschen begraben sein.

Noch heute entspricht der Friedhof nahezu seiner mittelalterlichen Größe, doch war seine Fläche letzten Endes zu klein, so dass aus Platzmangel die Toten in mehreren Schichten übereinander bestattet wurden, in bis zu 12 Lagen. Die malerischen Gruppierungen von Grabmälern aus verschiedenen Epochen entstanden durch die Hebung älterer Grabsteine in die Oberschichten. Zahlreiche Grabmäler sind verziert mit Zeichen die z.B. Familiennamen symbolisieren (z.B. Löwen, Blumen, Trauben u.a.). Einige Grabsteine sind übrigens in der Umfriedung eingemauert.

Die bedeutendste auf dem Alten Judenfriedhof beerdigte Persönlichkeit ist zweifellos der grosse Theologe und Pädagoge Rabbi Jehuda Liwa ben Bezal’el, genannt Rabbi Löw (gestorben 1609), mit dessen Person die Sage von der Schaffung eines künstlichen Wesens, des Golems, zusammenhängt. Von den übrigen hier auf dem alten Judenfriedhof beigesetzten Persönlichkeiten sind wenigstens der Vorsteher der Judenstadt Mordechai Maisei (gestorben 1601), der Renaissance-Gelehrte, Historiker,  Mathematiker und Astronom David Gans (gestorben 1613), der Wissenschaftler und Polyhistor Josef Salomon Delmedigo (gestorben 1655) sowie der als Sammler hebräischer Handschriften und Drucke bekannte Rabbiner David Oppenheim (gestorben 1736) zu nennen.

 MEMENTO MORI

Den aje Kerkhaof

November 2008

Der alte Friedhof von Roermond

Der offizielle Namen des Friedhofes ist „Begraafplaats nabij de Kapel in `t Zand“. Im Roermonder Dialekt spricht man von „Den aje Kerkhaof“. Er ist einer der ältesten Friedhöfe der Niederlande und wurde 1785 in Betrieb genommen.
Die Entwicklung des Friedhofes hängt mit der geschichtlichen Position Roermonds zusammen. In dieser Zeit gehörte die Stadt und dieser Teil der südlichen Niederlande zum Einflußbereich Österreichs unter Kaiser Josef II und damit zur Gesetzgebung Österreich-Habsburgs.
Am 26. Juni 1784 erschien das „Edikt des Kaisers zum Umgang mit Begräbnissen“:
„Das Beerdigen in einer Kirche, Kapelle, Betplatz oder anderen bedeckten Gebäuden“ wird verboten.
Artikel IV macht das deutlich: „Außerhalb der Städte und Ortschaften sollen Friedhöfe errichtet werden, wo allein die Bererdigungen erlaubt sind“.
Es war also klar, das es verboten wurde, weiterhin in und um kirchlicher Gebäude und Kapellen Beerdigungen vorzunehmen. Selbst innerhalb der Stadtmauern wurde das Begraben der Toten nicht mehr gestattet. Eine kräftige Geldstrafe gemahnte die Gemeinde Roermond, dieses Edikt schnellstmöglich umzusetzen.
Schon im Mai 1785 konnte fernab der damaligen Stadtmauern direkt an einem kleinen bereits bestehenden jüdischen Friedhof der Gemeindefriedhof in Gebrauch genommen werden.

Einzigartiger Friedhof

Durch sein Alter ist der Friedhof schon etwas besonderes, aber durch seine äußere Beschaffenheit noch einzigartiger. Nirgendwo in den Niederlanden ist die Trennung zwischen den katholischen, protestantischen und den beiden jüdischen Teilen so nachdrücklich sichtbar wie auf dem Roermonder „Aje Kerkhaof“.
Hohe Mauern trennen die Gräber der verschiedenen Glaubensgemeinden. Gleichzeitig befindet sich auf dem Friedhof noch ein sogenannter „verlaore Kirkhaof“ (verlorener Friedhof), ein Stück ungeweihter Erde, in dem im 19. Jahrhundert Menschen begraben wurden, die keinem Glauben angehörten oder als Folge der kirchlichen Regeln nicht in geweihter Erde begraben werden durften.
Auf dem katholischen Teil des Friedhofes ist die Aufteilung in Klassen immer noch gut erkennbar. Dieses Klassensystem lies selbst im Kult des Todes den Unterschied zwischen begüteter und minder begüteter Roermonder Bürger deutlich zum Ausdruck kommen.
Die erste Klasse war für „ewig dauernde“ Gräber reserviert. Die reichsten Roermonder ließen sich hier in monumentalen Bauten und imposanten Grabkammern beisetzen, während in der vierten Klasse die ärmsten Bürger kostenlos beigesetzt wurden.
Die Einteilung in Klassen spiegelte das Zusammenleben im 19. Jahrhundert sehr deutlich wieder. Vermutlich ist diese Einteilung bei der Erweiterung des Friedhofes im Jahre 1857 entstanden, denn durch Dr. Pierre Cuypers ist der Ausbau nach dem „Lütticher Modell“ hergerichtet worden. Die kennzeichnende Form und Symmetrie der rechtwinkligen Wege bekommt 1887 eine besondere Akzentuierung durch den Bau der bischöflichen Kapelle am zentralen Punkt des Friedhofes.
Im Bereich der ersten Klasse trifft man auf 50 Grabkeller, in Anbetracht der bescheidenen Größe des Friedhofes eine beachtliche Anzahl.
Das hohe Alter, die spezielle Einteilung für die diversen Konfessionen und die Klasseneinteilung sind nicht die einzigen Besonderheiten des „Aje Kerkhaof“. Ferner ist der Friedhof eine „Schatzkammer“ für monumentale neogotischen Grabkunst. Nicht unerwähnt sollte die große Anzahl schöner gußeiserner Kreuze mit ihrer typischen Grabsymbolik bleiben, die viele Gräber der zweiten und dritten Klasse zieren. Auch findet man viele schmiedeeiserne und gußeiserne Umzäunungen in der ersten Klasse. Das Vorfinden so vielen Schmiedewerkes erklärt sich darin, das im 19. Jahrhundert in Roermond die Kunstateliers der Firmen Cuypers und Stoltzenberg einen blühenden Schmiedekunstzweig betrieben.
Darüberhinaus ist der Friedhof in der Nähe der Kapelle `t Zand für seine seltsamen, chrakteristischen und monumentalen Bäume bekannt.

Markante Gräber

Weltberühmt ist „Das Grab mit den Händen“. Es geht hier um zwei Gräber, bei denen auf sehr kreative Art die gegenseitige Liebe zwischen einer römisch-katholischen Frau und einem protestantischen Mann nach deren Tod zum Ausdruck gebracht wird. Über die Trennmauer des katholischen und protestantischen Teil des Friedhofes hinweg reichen sich die römisch-katholische Frau J.C.P.H. van Aefferden und der protestantische Colonel der Kavallerie, J.W.C. van Gorkum, symbolisch die Hand.
Ein weiteres gediegenes Grab, gekrönt mit einem beeindruckenden neogotischem Monument, ist die Ruhestätte des Dr. P.J.H. Cuypers, Baumeister von u.a. dem Reichsmuseum und dem Hauptbahnhof in Amsterdam.
Es ist natürlich unmöglich auf alle interessanten Gräber in diesem kurzen Bericht einzugehen. Zweifellos wird man bei einem Rundgang über den Friedhof so manche “Perle“ entdecken sowie auf die monumentale Grabkapelle stoßen. Dieses größte Monument trifft man in der Mitte des Hauptweges an und wird vom Voksmund auch die „Bischofskapelle“ genannt. In der Krypta liegen seit der Herstellung der kirchlichen Herachie in den Niederlanden (1853) außer Mgr. Moors alle Bischöfe des Bistums Roermond.

Erhaltung des Friedhofes

Nach dem Verdrängen des Todes in den 70er Jahren ist das Bewußtsein, das der Tod unverkennbar zum Leben gehört, wieder stark gewachsen. Viele Berichte in Publikationen, Radio- und Fernsehen usw. zeugen vom Interesse an diesem Thema. Friedhöfe als Zeichen unserer Totenkultur „profitieren“ von dieser Neubewertung. Verschiedene historische Friedhöfe sind in den Niederlanden in den letzten Jahren restauriert worden. Nicht selten geschah das durch speziell dafür ins Leben gerufene Stiftungen.
Auch in Roermond realisiert man, das der Friedhof „Den aje Kerkhaof“ ein besonderes Kulturgut darstellt. Darum wurde im Jahre 1996 die Stiftung alter Friedhof eingerichtet.

 

„Nichts ist so wie es scheint“

Zusammenarbeit mit der Künstlerin Christa Walters

„Das was ist, könnte auch etwas anderes sein, je nachdem, wie man draufguckt.“
(Tobias Rehberger)

Wenn zwei Künstler sich zusammentun, um gemeinsam Kunst zu schaffen, birgt dies immer ein gewisses Risiko. Wie im „richtigen Leben“ ist auch in der Kunst das gemeinsame Vorgehen in der Regel immer mit Kompromissen verbunden, mit dem Eingehen auf den Anderen/die Andere und mit der Gefahr, möglicherweise sich selbst zu Gunsten der gewünschten Gesamtwirkung zurücknehmen zu müssen. Die Ausstellung von Christa Walters und Uwe Piper im [kunstraumno.10] zeigt jedoch, dass die Zusammenarbeit von zwei starken und eigenständigen Künstlerpersönlichkeiten auch berauschend schöne Arbeiten hervorbringen kann, die sowohl in direkter Kombination miteinander als auch als Einzelobjekte nichts von ihrer Strahlkraft einbüßen. Dies ist möglicherweise der Tatsache geschuldet, dass beide Künstler sich bereits sehr lange kennen und die Werke des Anderen schätzen und verstehen.
Die beiden arbeiten mit völlig verschiedenen Medien und Techniken, Uwe Piper fotografiert digital und gibt seine Arbeiten als C-Print auf Alu-Dibond oder Pigmentprint auf Photo Rag-Papier aus, Christa Walters benutzt Leinwand und Glas, die mit Acrylfarben bemalt werden. Die Thematik, speziell in dieser Ausstellung, ist jedoch bei beiden gleich: Die Natur – auch wenn diese nicht immer auf den ersten oder selbst den zweiten Blick zu erkennen ist. Dennoch liegt die Wiedergabe von Realitäten nicht im Sinne der Künstler, sondern vielmehr die Schaffung neuer Bildwirklichkeiten. Die Arbeiten beider Künstler bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Naturdarstellung und Abstraktion.
Es ist faszinierend zu sehen, wie in einigen Arbeiten die Farben und Formen der Fotografien Uwe Pipers an die Malerei Christa Walters „weitergereicht“ werden und umgekehrt. Bei der Konzeption dieser Ausstellung sind zum Teil die Fotografien zuerst entstanden und Christa Walters hat durch die Schaffung eines neuen Gemäldes darauf „geantwortet“, zum Teil wurden auch zu vorhandenen Arbeiten der Künstlerin passende Fotografien ausgewählt. Die durch direkte Kombination entstandenen 2- bis 4-teiligen Werke zeichnen sich nicht nur durch eine erstaunliche Harmonie untereinander aus, sie bringen auch bewusst Gegensätze ins Spiel: Heiß und Kalt, Feuer und Wasser, Schwarz und Weiß, Detail und Totale, und eben Malerei und Fotografie.
Oft ist nicht direkt zu erkennen, welcher der Teile von wem geschaffen wurde. Insbesondere die Arbeiten, die Uwe Piper mit der Technik der Bewegungsfotografie aufgenommen hat, und seine extremen Nahaufnahmen von Oberflächen wirken wie abstrakte Malereien. Dagegen führt die Technik Christa Walters, ihre Leinwände mit (teils ebenfalls bemalten) Glasplatten abzudecken, zu ebenso hochglänzenden Oberflächen wie bei den C-Prints. Es ist eben nichts so, wie es zunächst scheint, man muss schon genau hinsehen, um die Geheimnisse dieser wunderbar poetischen und anmutigen Arbeiten zu entschlüsseln.

Text: Dr. Judith Dahmen-Beumers

 

Posterfaces

Die Farbe des Wassers

Im Rahmen der Ausstellung von Thomas Ruff in der Düsseldorfer Kunsthalle erschien ein Zeitungsartikel, der mit folgendem Satz endete: „Am Schluss aber verrät Ruff, dass er gern mal wieder eine richtige Kamera in die Hand nehmen und durch die Gegend laufen würde – wenn er denn eine Idee hätte.“ Die Ideen, die Thomas Ruff vielleicht fehlen, besitzt Uwe Piper in Hülle und Fülle. Er läuft mit seiner Kamera durch Landschaften und besonders gerne durch größere Städte, wo er viele seiner Motive findet. Aber Uwe Pipers wichtiges Werkzeug ist nicht die Kamera, sondern sein Auge. Das Einzigartige seiner Kunst ist das Erfassen des Ungewöhnlichen, an dem die Meisten von uns achtlos vorbei gehen würden. Seine Kunst kann mit dem Begriff „Objet trouvé“ überschrieben werden, da sein künstlerischer Gestaltungswille von vorgefundenen Sujets lebt, die er in seinen Bildern festhält. Das Besondere an seiner Kunst ist, Dinge zu sehen, sie neu zu interpretieren, sie zu hinterfragen und damit dem Betrachter Anreize zum Nachdenken und genaueren Hinsehen zu geben. Uwe Piper zeigt uns ein Bild dieser Welt, von dem wir bislang nicht ahnten, dass es vorhanden ist. Wenn Sie eine Ausstellung mit Arbeiten von Uwe Piper besucht haben, werden Sie anschließend Ihre Umwelt anders wahrnehmen und auf Dinge aufmerksam werden, an denen Sie zuvor achtlos vorbeigegangen wären. 

Ein Thema, das Uwe Piper seit Jahren immer wieder beschäftigt, sind Menschen in der Stadt, oder genauer: das Abbild des Menschen im urbanen Umfeld. Jeder Mensch hinterlässt Spuren, der eine mehr, der andere weniger. Insbesondere gibt es Menschen, die – zumeist anonym – mit ihren Mitmenschen kommunizieren wollen, sie auf etwas aufmerksam machen möchten oder einfach nur – oft mit einer Prise Humor – eine Botschaft vermitteln wollen. Ein Weg, der dazu oft genutzt wird, sind Plakate. Plakate kennen wir aus der Werbung. Sie sind großformatig und sollen auffallen. Man möchte darüber eine Botschaft vermitteln – zumeist eine Werbebotschaft. Aber es gibt auch andere Plakate, die, die nicht offiziell auf Werbeflächen geklebt sind, sondern eher still und heimlich im Dunkeln an ein leerstehendes Haus, an eine Bretterwand oder an einem Laternenpfahl angebracht werden. Diese Plakate sind mal groß, mal klein und werden oft auch von anderen wieder abgerissen, übermalt oder verändert, so dass man sie zumeist nicht beachtet. Aber genau das macht Uwe Piper. Sein Blick fällt auf diese Botschaften und mit seiner Kamera hält er sie fest. Diese oft vom subtilen Humor unterlegten Zeichen unserer Gesellschaft stellen eine Aussage dar, die weitgehend vom urbanen Umfeld geprägt ist. Kritik, Bewunderung, Humor oder einfach die Lust an der Darstellung sind Motive, warum die Plakate erstellt und veröffentlich wurden. Die Serie, die Uwe Piper in seiner Ausstellung im [kunstraumno.10] zeigt, beschäftigt sich mit menschlichen Köpfen, die er vor allem als kleinformatige Abbildungen auf Regenrinnen gefunden hat. Abbildungen von bekannten oder weniger bekannten Menschen, aber immer Bilder, die einen zum Nachdenken, zum Nachfragen oder manchmal auch einfach zum Lachen bringen.

Eine ganz andere Seite seiner Kunst zeigt Uwe Piper im zweiten Teil seiner Ausstellung, die mit dem Titel „Die Farbe des Wassers“ überschrieben ist. Er nahm Bilder von Wasseroberflächen auf. Allerdings kann man dies den meisten Arbeiten nicht ansehen. Wüsste man es nicht, würde man bei vielen der in der Ausstellung gezeigten Arbeiten auf abstrakte Zeichnungen oder Malereien tippen. Was man sieht sind wunderbare, höchst ästhetische Verläufe von Linien, von Farben und Flächen.  Sie wirken wie Abstraktionen, bei denen man sich fragt, wie sie zustande kamen. Die Arbeiten machen neugierig und warten auf Entschlüsselung. Nur wenige Arbeiten geben Hinweise auf ihre wirkliche Herkunft. Auch hier zeigt Uwe Piper zu was sein Auge fähig ist. Er erkennt Linien, Strukturen, Farben und Formen und erzeugt daraus Kunstwerke für das Auge seiner Mitmenschen. Er zeigt uns mit seinen Wasserbildern, was die Natur uns in Sekundenbruchteilen bietet. Aber auch hier gehen wir genau wie bei den „Posterfaces“ meist achtlos daran vorbei und haben „kein Auge“ dafür. Nutzen Sie nun Ihre Chance und nehmen Sie sich die Zeit, um die stillen, aber sehr intensiven Werke von Uwe Piper zu verinnerlichen. Die Arbeiten stecken voller Geheimnisse, die man ergründen sollte. Lassen Sie sich vom Auge eines Uwe Pipers leiten, um die Schönheit und Ästhetik seiner Kunst – aber damit auch unserer Umwelt in vollen Zügen zu genießen.

Andreas Beumers M.A., Kunsthistoriker

 

Pisa – Calci

Die Arbeiten der Werkgruppe Pisa – Calci entstanden in Pisa und in Calci, einem kleinen Ort in der Toskana. Pisa, bekannt durch seinen frühmittelalterlichen Dom, dem Baptisterium und dem nahestehenden „schiefen Turm“. Calci wird Ihnen wenig sagen. Im Gegensatz zu Pisa steht Calci für Uwe Piper als Synonym für die Jetztzeit. Vergangenheit und Gegenwart werden in den Arbeiten gegenübergestellt. Pisa zumeist gradlinig, fast konkret, Calci expressiv und trotz immer wiederkehrender Grundformen von Waagerechte und Senkrechte in dauernder Bewegung. Vielleicht ein Zeichen unserer Zeit? Uwe Piper treibt das Spiel aber noch weiter. Die Arbeiten aus Calci zeigen Abrisse vergangener Jahre, Monate und Wochen und können auch innerhalb der Jetztzeit als Zeitbilder verstanden werden. Schicht für Schicht erschließen sich einem die Bilder. Uwe Piper ist ein Künstler, dessen wichtigstes Werkzeug nicht Pinsel oder Meißel, sondern das Auge ist. Der Blick für das Ungewöhnliche kennzeichnet seine Arbeiten. Uwe Pipers Kunst kann mit dem Begriff „Objet trouvé“ überschrieben werden, da sein künstlerischer Gestaltungswille von vorgefundenen Sujets lebt, die er in immer wieder neuen Varianten in seine Kunst einbezieht. Dies ist das Besondere an der Kunst Uwe Pipers: Dinge neu zu sehen und damit neu zu erleben, Dinge zu hinterfragen.

 

Spuren einer verlorenen Zeit

Entdeckt im Juni 2013 in Görlitz, der östlichsten Stadt der deutschen Bundesrepublik.
24 Jahre nach der Wiedervereinigung. An einigen Geschäften und Häusern ist noch die Werbung aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg zu entziffern. So sind diese Spuren durch die Umstände bis heute bewahrt, bis auch diese durch Sanierung verschwinden

 

Über die Zeit

Was ist geblieben?
Nichts mehr und alles. Nämlich,
Was war, das ist und wird sein,
Auch gegen sich selbst.
Zuviel aber ist umsonst,
Und was mir schien,
Scheint nicht länger.
                                                                              (Hölderlin)

Die Bilder des Fotografen Uwe Piper sind Zeugen einer vergangenen Wirklichkeit. Die Spuren, die durch die Zeit entstanden, sind von vielfältigem ästhetischen Reiz.
Er benutzt die Fotografie als Werkzeug, um das Entdeckte festzuhalten, es aus der vormaligen Realität zu lösen und ihm eine neue Bedeutung und Wirklichkeit zu geben. Dabei legt er den Bildausschnitt oft so fest, dass das eigentliche Motiv nicht mehr erkennbar ist.
So bekommt die Vergänglichkeit der Dinge eine poetische Anziehungskraft. In einer Art Transformation entstehen abstrakte Bilder und für den Betrachter neue visuelle Erfahrungen.

 „Über die Zeit“  –  Kunstraumno.10  –  Mönchengladbach:
Der Ausstellung des in Heinsberg lebenden Künstlers Uwe Piper wird etwas Besonderes anhaften. Bei der Betrachtung seiner Arbeiten stellt sich unwillkürlich die Frage, was man vor Augen hat. Ist es Malerei, sind es Zeichnungen? Bei näherem Hinschauen erblickt man feine Übermalungen, augenscheinlich kräftige Pinselstriche, collageartige Abrisse oder plastisch aus dem Bildgrund heraustretende Formen. Die Bildsprache deutet auf Abstraktionen. Zwar kann man auf einigen Arbeiten figurative Elemente erblicken, die sich aber bei genauerem Hinsehen als ungegenständliche Formen manifestieren. Die Arbeiten Uwe Pipers fordern den Betrachter heraus. Sie machen neugierig und warten auf ihre Entschlüsselung. Vielleicht gibt der Titel der Ausstellung Hinweise? „Über die Zeit“ betitelte Uwe Piper seine Ausstellung im Mönchengladbacher [kunstraumno.10]. Was auf den ersten Blick nicht wirklich zur Entschlüsselung beiträgt, kann aber bei Betrachtung einzelner Arbeiten zu ersten Hinweisen führen. Vier Arbeiten der Ausstellung entstanden in Pisa und sechs Arbeiten in Calci, einem kleinen Ort in der Toskana. Pisa, bekannt durch seinen frühmittelalterlichen Dom, dem Baptisterium und dem nahestehenden „schiefen Turm“. Calci wird Ihnen wenig sagen. Im Gegensatz zu Pisa steht Calci für Uwe Piper als Synonym für die Jetztzeit. Vergangenheit und Gegenwart werden in den Arbeiten gegenübergestellt. Pisa zumeist gradlinig, fast konkret, Calci expressiv und trotz immer wiederkehrender Grundformen von Waagerechte und Senkrechte in dauernder Bewegung. Vielleicht ein Zeichen unserer Zeit? Uwe Piper treibt das Spiel aber noch weiter. Die Arbeiten aus Calci zeigen Abrisse vergangener Jahre, Monate und Wochen und können auch innerhalb der Jetztzeit als Zeitbilder verstanden werden. Schicht für Schicht erschließen sich einem die Bilder. Uwe Piper ist ein Künstler, dessen wichtigstes Werkzeug nicht Pinsel oder Meißel, sondern das Auge ist. Der Blick für das Ungewöhnliche kennzeichnet seine Arbeiten. Uwe Pipers Kunst kann mit dem Begriff „Objet trouvé“ überschrieben werden, da sein künstlerischer Gestaltungswille von vorgefundenen Sujets lebt, die Uwe Piper in immer wieder neuen Varianten in seine Kunst einbezieht. Dies ist das Besondere an der Kunst Uwe Pipers: Dinge neu zu sehen und damit neu zu erleben, Dinge zu hinterfragen.
Die Kunst Uwe Pipers steckt voll Geheimnisse, die man ergründen sollte. Daher die Aufforderung: Schauen Sie sich die Arbeiten Uwe Pipers in der Ausstellung „Über die Zeit“ an und stellen Sie sich der Herausforderung! Sie werden es nicht bereuen!

 

Von Innen nach Außen

1986-89

,,Von Innen nach Außen“ zeigt in Serien und Sequenzen Reflexionen nach Innen und Traumvisionen, entstanden durch Hinterfragung des Zufalls. Denn alle Bilder sind Zufallsprodukte (oder nicht?), weil jeder Film nacheinander zweimal belichtet wurde, zum Teil in erheblichen Zeitabständen!

Sehr persönliche Dinge und Gedankenzusammenhänge in Verbindung mit der eigenen Person fotografiert, ergeben durch dieses zufällige (?) Aufeinandertreffen zweier Belichtungen ganz neue Zusammenhänge: Innere Bilder werden zu Außenbildern!

Uwe Piper, Januar 1988

 

Ohne die Ergebnisse irgendwie zu planen, belichtet Uwe Piper jeden Kleinbildfilm nacheinander zweimal, zum Teil in erheblichen Zeitabständen: einmal mit Räumen und Dingen, die ihm wichtig sind; ein zweites Mal mit Inszenierungen seiner eigenen Person. In der Dunkelkammer sieht er erst, was der Zufall zusammengeführt hat: «Seit drei Jahren mache ich diese Doppelbelichtungen, hinterfrage ich den Zufall. Ich erstaune immer wieder, wieviel Persönliches dabei herauskommt.» Uwe Piper inszeniert den Zufall und erhält damit sein Psychogramm: Innenwelt und Aussenwelt, Traumvisionen auf Fotopapier gebannt. Die Serie «Von Innen nach Aussen» ist ein Produkt des Zufalls – Bilder eben, die Uwe Piper zugefallen sind.

Text zur Bildveröffentlichung in “Nikon News“ 3/89

Ausstellungen:

1988  Fotogalerie 68, Hoensbroek/NL
1989  Galerie Lindemanns, Stuttgart
1989  Kunstkabinett Mönter, Meerbusch (Gruppenausst.)
1989  Schloß Neersen, Willich (Gruppenausstellung)
1989  Monat der Fotografie, Kleve
1992  Foto Forum, Kappeln/Schlei

 

Zeit – Zeichen

Erstaunlich, was die Dekorateure der Waren-Welt sich so alles einfallen lassen, um unsere Blicke zu reizen:

Röhrenmenschen und Zeitungsschädel, Glatzen und Gesten, Rudimente werden zum Regelfall. Man soll wohl seinen Kopf zur Verfügung stellen, wenn nicht gar den ganzen Körper, um diese Bruchstücke aus dem Plastik-Figuren-Kabinett zu komplettieren. Als wäre es nur ein Schritt und man stünde inmitten dieser Kulisse, würde diesen Inszenierungen Leben einhauchen.

Ich denke, wir sind alle schon einmal vor den pseudo-surrealen Verhüllungen und erstaunlichen Kombinationen von Unvereinbarem stehengeblieben und haben uns fasziniert den exhibitionistischen Gesten und den Attributen sado-masochistischer Liebesbeziehungen zugewandt. Wenn auch manche Betrachter ihnen nur einen kurzen Blick zuwerfen, so sind diese öffentlichen Bühnen größter Aufmerksamkeit sicher.

Mich läßt das schmunzeln. Leder auf nackter Haut, das ist doch ,was’. Aber verrenkte Gliederpuppen, an denen die Hosen schlaff herabhängen? Wo bleibt da die Erotik? Wo bleibt da die Befriedigung des Voyeurs? Wenn das neongeformte Symbol der Männlichkeit auf lackierter Brust erstrahlt, wenn das Kunsthaar schick frisiert die fröstelnd sich umfassende Puppe ziert, dann wird mir plötzlich klar, daß so das Leben nicht sein kann.

Uwe Piper visualisiert in seinen Fotografien diese Ambivalenz von Faszination und Ablehnung auf eindringliche Weise. Mit klarer Berechnung setzt er die Inszenierungen der Dekorateure ins Bild. Die Kompositionen bestechen durch das Wechselspiel von ausbalancierter Konstruktion und kühner Dynamik.  Die gewollte Kombination und Kontrastierung der Deko-Elemente in seinen Fotogafien, der Lamellen-Wände und gedrechselten Säulen, der Ketten und der Knuddeltiere, mit den Plastikpuppen und Modefigurinen ist entlarvend. Der Betrachter wird dicht an das Geschehen herangeführt. Man schaue nur genau hin. Die Gegensätze knallen nur so aufeinander. Das ist Uwe Pipers Methode. Sein Blickwinkel demaskiert die spröden Gesten als Scharlatanerie. Seine fotografisch-selektive Überhöhung läßt die Welt im Schaufenster als gehaltlose Fassade erkennbar werden.

Erschreckend, wenn ein Mensch in dieser Bildwelt auftaucht, verloren an den Rand gedrängt oder durch das Bild huschend angeschnitten, nicht greifbar, nicht identifizierbar. Was bleibt ist das Trugbild im Schaufenster.

Doch wo bleibt das Leben? Das ,Straßen-Theater’ als dessen Spiegelbild? Kaum zu glauben! Es ist doch nicht die Analyse einer gesellschaftlichen Situation, die zu diesen ,Leitbildern’ führt, deren aufgemotzte Vertreter wir im Schaufenster bestaunen sollen. Im Gegenteil wollen doch die Stylisten der Branche uns durch ihre Verführungskünste zu Verhaltensweisen erziehen, die schließlich ihre Erfüllung im Kauf der vorgeführten Produkte finden soll. Nicht das Leben ist Vorbild für diese Staffagen, sondern die Staffage im Fenster wird zum Vorbild für eine vom potentiellen Käufer anzustrebende Verhaltensnorm.

Es ist dies ein Leben, das seinen Sinn nur in der narzistischen Reproduktion seiner selbst sieht. Zwangsläufig muß es sich als Schein entpuppen und in sinnlicher und geistiger Frustation enden. Frustation eines unerfüllten Traumes, der nach Inhalten sucht, nach Leitbildern… Ein Teufelskreis.

Die Fotografien von Uwe Piper sind mehr als nur das Dokument einer verkleidungssüchtigen, eitel-blinden Gesellschaft. Sie zeugen von einer skeptisch-pessimistischen Grundhaltung des Autors, der am Erkenntniswillen und an der Erkenntnisfähigkeit des Menschen zweifelt. Wer will denn schon die Wahrheit wissen?

Dem Straßen-Theater wurde schon Aufmerksamkeit zuteil. Der fotografierende Schauspieler Heinz Schubert war schon vom Beruf her dafür prädestiniert, in den Fenstern der Boutiquen und Kaufhäusern das Scheinbild der menschlichen Eitelkeit zu sehen. Zuerst mehr beiläufig, dann gezielt entstanden seine Bilder. Sie waren das Ergebnis seiner endlosen Spaziergänge durch die Städte, in denen er selber eine Kunst-Welt produzierte. Seine schließlich zu einer Manie ausgewachsenen Fotografiersucht und eine Buchveröffentlichung erlaubte ihm die Teilnahme an der Dokumenta 6 in Kassel. Heinz Schubert ist sicher der bekanntere, aber Uwe Piper ist in seiner formalen und inhaltlichen Vielschichtigkeit und Konsequenz der bessere Fotograf.

Hartmut Mirbach 1985